Von Hirschen, klarem Wasser und viel Benzin

Teil zwei unseres Reiseberichts: Wir fahren von Jasper über Mount Robson wieder in den Süden. Viel Natur, viel Wasser und ein paar gruselige Momente erwarten uns. 

Jasper ist ein kleines Bergdorf, aber dennoch so etwas wie ein Verkehrsknotenpunkt und Einkaufszentrum für die ansonsten wenigen Ortschaften in den östlichen Rocky Mountains Albertas. Es gibt hier nicht viel mehr als eine Haupt- mit ein paar Nebenstraßen. So, wie man sich eine amerikanische Kleinststadt vorstellt – so ist es auch. Pick-ups mit oder ohne Hunden auf der Ladefläche brummen die Mainstreet entlang und halten immer wieder an den zahlreichen Stoppschildern (die gibt es hier an den Stellen, wo wir Deutsche aufwändige Ampelanlagen bauen). Die Straße und die Geschäfte sind herausgeputzt, aber dennoch gibt man sich hier eher bodenständig.

Der Campground liegt am südlichen Ortseingang, oder besser: Kurz davor im Wald. „Whistler’s“ ist der einzige Campingplatz hier in der Gegend, der so spät noch geöffnet hat. Denn das haben wir hier immer wieder festgestellt: Die Saison ist kurz. Wer Anfang Oktober noch mit einem Wohnmobil unterwegs ist, muss schon genauer hinschauen und vorausplanen, um am Abend einen Stellplatz zu haben. Deshalb haben wir auch insgesamt drei Nächte auf dem Platz „Whistler’s“ verbracht. Allerdings waren das drei der schönsten, denn immer wieder hat man uns sehr schöne Plätze im Wald zugewiesen.

Einer unserer schönen Stellplätze auf dem Whistler's Campground bei Jasper.
Einer unserer schönen Stellplätze auf dem Whistler’s Campground bei Jasper.

Nur die erste Nacht, eine sehr dunkle, weil der Mond hinter Wolken verschwunden war, war ein wenig gespenstisch: Im Wohnmobil hörten wir, wie immer wieder Tiere um den Wagen herumwuselten, Laub raschelte und Zweige knackten. Gesehen haben wir nichts, aber die wiederholten Warnungen vor Bären auf dem Campground hatten wir noch im Ohr. Und dann muss man vom Stellplatz durch die dunkle Nacht zum Waschhaus. Glücklicherweise hatten wir daran gedacht, eine kleine Taschenlampe mitzunehmen. Aber: Nervös ist man dennoch und jedes Rascheln in den Büschen neben dem Weg lässt einen zusammenzucken.

Um es aber kurz zu machen: In „Whistler’s“ haben wir keinen Bären gesehen. Dafür aber eine Gruppe Hirsche, die es sich zwischen den Zelten und Wohnmobilen eingerichtet hatten. Vorsicht ist in dieser Jahreszeit aber auch vor diesen Tieren geboten: Der Herbst ist Brunftzeit und ein Hirsch, voller Hormone, regiert wenig besonnen, wenn er entweder sich oder seine Nachwuchsplanung bedroht sieht: Man sollte sich oder sein Fahrzeug niemals zwischen ein männliches und ein weibliches Tier stellen. Die Nationalparkverwaltung illustriert diese Warnung auf Flyern und Plakaten immer gerne mit Bildern komplett zerstörter Autos und Wohnwagen. Was mit einsamen Wanderern passiert, die im falschen Moment an der falschen Stelle stehen, kann man sich dann ausmalen. Unser Tourguide auf dem Maligne Lake fasste es einfach so zusammen: „Hütet Euch vor den Hirschen. Die sind verrückt.“

Hirsch - Vorsicht, verrückt...
Hirsch – Vorsicht, verrückt…

Weil in der Umgebung keine anderen Campingplätze mehr verfügbar waren, war „Whistler’s“ entsprechend gut gefüllt. Und die die Damen an der Einfahrt nicht so ganz mit ihren Computerprogrammen klarkommen, hatten wir auch immer wieder Staus – die einzigen übrigens, die wir in den drei Wochen Kanada gesehen haben. Schon allein das ist Urlaub für alle, die die Düsseldorfer Verkehrsverhältnisse gewohnt sind.

Wir haben in allen drei Nächten jeweils Plätze gehabt, die keinerlei Anschlüsse aufwiesen: Kein Strom, kein Wasser, kein Abwasser (siehe auch den „Hallo, wir leben noch“-Blogpost). So waren wir dankbar, mit unserem Wohnmobil, seinen starken Akkus, dem großen Frisch- und den beiden Abwassertanks sowie dem Gasboiler sehr autark zu sein und problemlos kochen und duschen zu können. Was ohne „Landstrom“-Anschluss im Wohnmobil nicht funktioniert, sind einzig Mikrowelle und Fernseher – und die haben wir in all den Tagen sowieso kein einziges Mal benutzt.

Achso: Die Steckdosen an Bord sind ohne Stromanschluss auch außer Betrieb. Das hat uns nach der dritten Nacht dann doch langsam Kopfzerbrechen bereitet. Denn dann war neben den Handys auch die Kamera leer…

Der Maligne Lake und das bekannte Bootshaus.
Der Maligne Lake und das bekannte Bootshaus.
Auf dem Maligne Lake
Auf dem Maligne Lake

Von „Whistler’s“ aus haben wir uns neben Jasper auch noch den Maligne Lake angesehen, in dem die kleine Halbinsel Spirit Island liegt. Wer sich schon einmal Kanada-Reiseführer angesehen hat, wird genau diese Insel dort auf dem Cover finden. Spirit Island ist so etwas wie das Symbolbild für Kanada geworden. Schuld daran ist die Firma Kodak, wie ich in einem anderen Blogpost noch beschreibe. Außerdem sind wir von Jasper aus zu den schon beschriebenen Miette Hot Springs gefahren.

Eine Art Wahrzeichen Kanadas - aber eigentlich ziemlich unspektakulär - wäre da nicht dieses Panorama im Hintergrund: Spirit Island.
Eine Art Wahrzeichen Kanadas – aber eigentlich ziemlich unspektakulär – wäre da nicht dieses Panorama im Hintergrund: Spirit Island.

Mit Banff, Jasper und den umliegenden Attraktionen hatten wir unser Programm für den Ostteil unserer Reise abgehakt. Uns stand ein „Fahrtag“ bevor, also einer, an dem wir vor allem Kilometer machen wollten. Nach der dritten Nacht also haben wir das Wohnmobil vollgetankt (150 Liter Super…) und auf den Highway gelenkt.

Mount Robson - der höchste Berg der kanadischen Rocky Mountains.
Mount Robson – der höchste Berg der kanadischen Rocky Mountains.

Vorbei an Mount Robson, dem höchsten Berg der kanadischen Rocky Mountains und über eine Kreuzung namens „Tete Jaune Cache“, also etwa der „Gelbkopf-Schatz“. Nach ihm ist auch der neben dem Trans Canada Highway TCH zweite Highway benannt, der Kanada einmal fast ganz durchquert: der Yellowhead Highway. Dem also sind wir ab dort immer weiter nach Süden gefolgt, durch nahezu menschenleere Orte wie Valemount (immerhin gab es dort einen Supermarkt, der auch sonntags geöffnet war) oder Blue River bis nach Clearwater, einem Verkehrsknotenpunkt, an dem wir nach knapp 400 Kilometern dann wieder einen Zwischenstopp eingelegt haben.

Clearwater ist benannt nach dem Flüsschen, das durch den Ort fließt und seinen Namen definitiv verdient. Gespeist wird der Clearwater River aus dem Clearwater Lake, der gut 60 Kilometer oberhalb des Ortes liegt. Dort wollten wir ein Kanu mieten und eine Runde über den See paddeln.

Fast wie in "Twin Peaks": Die Helmcken Falls im Well's Gray Nationalpark.
Fast wie in „Twin Peaks“: Die Helmcken Falls im Well’s Gray Nationalpark.
Typisches Camping-Dinner...
Typisches Camping-Dinner…

Haben wir auch getan, aber die Strecke dorthin war die schlimmste der ganzen Reise: 42 Kilometer Schotterstraße mit Schlaglöchern und Spurrinnen. Wir mussten den größten Teil der Strecke nahezu im Schrittempo bewältigen, weil wir das 4,2-Tonnen-Schiff von Wohnmobil sonst sicherlich wahlweise in den Graben, den Clearwater-River oder gegen einen Baum gesetzt hätten. Außerdem hätte der hochgeschleuderte Schotter den Wagen beschädigt. Also: Knapp zwei Stunden für 40 Kilometer – jeweils hin und zurück.

Unsere Paddeltour auf dem Clearwater Lake.
Unsere Paddeltour auf dem Clearwater Lake.

Die kleine Paddeltour über den See im Kanadier (der natürlich so heißt, weil man diese Art Boot hier erfunden hat) war allerdings toll. Wir sind einmal quer über den See gefahren und am „Caribou Beach“ angelandet. Wer will, kann dort auch campen und ein Lagerfeuer machen. Hin und weg kommt man nur mit dem Boot. Wer dort übernachtet, sollte allerdings seine Vorräte in einen Rucksack packen und den möglichst weit weg vom Zelt lagern. Sonst gibt es mit ziemlicher Sicherheit ungemütlichen Besuch von Bären im Zelt.

Am Clearwater Lake
Am Clearwater Lake

Nach zwei Tagen Clearwater sind wir ein Stück weiter gen Süden gefahren – eigentlich nur, um die Strecke nach Vancouver zu teilen, die wir nicht an einem Tag fahren wollten. Gelandet sind wir in einem Ort namens Spences Bridge.

Wer schon einmal ein Buch von Stephen King gelesen, den Film „Psycho“ gesehen und einen handelsüblichen amerikanischen Krimi angeschaut hat, der kann in etwa die Stimmung nachempfinden, die uns umgab, als wir in Spences Bridge ankamen. Mehr dazu im nächsten Teil!