Der Regenwald am Ende der Straße

Und am Ende der Straße war der Regenwald. Wir sind auf Vancouver Island, der Insel vor der Südwestküste British Columbias. In Tofino haben wir drei Nächte verbracht, zwei Wale gesehen und einen Geburtstag gefeiert.

Wir haben von North Vancouver mit der Fähre nach Nanaimo übergesetzt. Das Wohnmobil abgestellt auf einem der Autodecks der riesigen Fähre von BCFerries. Die wiederum kennen wir, weil wir die drei neuesten Schiffe im Fuhrpark der BCFerries schon etliche Male im Kajak umrundet haben. Damals, vor vier Jahren, als sie in der Flensburger Werft gebaut wurden. Das Schiff, mit dem wir nach Nanaimo gefahren sind, war jedoch von 1981 und anscheinend in Norwegen gebaut.

Auf der Fähre nach Vancouver Island. Das Wohnmobil steht unter Deck...
Auf der Fähre nach Vancouver Island. Das Wohnmobil steht unter Deck…
... und wir genießen die Aussicht oben.
… und wir genießen die Aussicht oben.

Nanaimo ist eine Hafenstadt von der Größe Ratingens (oder Flensburgs) und vor allem Holz wird hier verschifft. Die Stämme lagern im Mündungswasser des Nanaimo Rivers: Zusammengehalten nur von ein paar Bohlen und der Strömung.

Unsere erste Nacht auf Vancouver Island haben wir am Rathtrevor Beach nahe Parksville nördlich von Nanaimo verbracht. Der Campingplatz liegt in einem Nationalpark und war der erste, bei dem wir uns selbst registrieren mussten: Außerhalb der Saison ist niemand von der Parkverwaltung mehr da, so dass man bereitliegende Registrierungsformulare ausfüllen, die Campinggebühr (umgerechnet etwa 20 Euro) in bar mit dem Formular in einen Umschlag stecken und den in einen bereitstehenden Kasten werfen muss.

Unser Stellplatz in Rathtrevor Beach. Hinter dem Fotografen liegt der Ozean.
Unser Stellplatz in Rathtrevor Beach. Hinter dem Fotografen liegt der Ozean.
Campfire-Vorbereitungen
Campfire-Vorbereitungen

Die Stellplätze selbst waren dann aber überraschend toll: Man steht mitten im Wald, dennoch nur wenige Meter vom Strand entfernt und hat einen sauberen, mit Feuerplatz und Sitzbank ausgestatteten Stellplatz und der Weg zum Waschhaus ist auch nicht weit (und das Waschhaus selbst auch überraschend neu und sehr gepflegt). Abends kam dann doch noch jemand von der Parkverwaltung vorbei, hat uns unsere Quittung für die Campinggebühr gebracht und uns direkt vom Anhänger seines Pickups noch eine Kiste Feuerholz verkauft, so dass wir ein schönes Campfire machen konnten. Mit dem bisschen Treibholz, das wir am Strand gesammelt hatten, wäre das nur ein kurzes Vergnügen gewesen. Im Sommer, haben wir erfahren, gibt es Wartelisten für einen Stellplatz am Rathtrevor Beach. Zu Recht – wir finden, dass es einer der schönsten Plätze war, auf denen wir übernachtet haben.

Wer als Deutscher an Inseln denkt, denkt an kleine, flache Flecken Land im Meer. Vancouver Island ist jedoch fast so groß wie Nordrhein-Westfalen und beherbergt eigene Gebirgszüge. Wir sind durch uralte Wälder gefahren, haben im Inneren der Insel die Hafenstadt Port Alberni durchquert (die an einem tief ins Inselinnere reichenden Meeresarm liegt und deshalb Zugang zum Pazifik hat), sind über steile Gebirgspässe mit dem Wohnmobil geschlichen (wer schonmal über vier Tonnen zu lenken und 18 Prozent Gefälle vor sich hatte, weiß, was das heißt), haben den riesigen Lake Kennedy umrundet, in dem wiederum Inseln liegen, auf denen Campingplätze existieren (die man aber nur mit dem Kanu erreichen kann) und sind schließlich bis ans Ende des Highways gefahren. Das liegt am Ortsende von Tofino.

Auch wenn der Name Zebrastreifen eher an Afrika erinnert: In Tofino sind andere Tiere darauf verewigt. Die haben wir allerdings nicht in unsere Liste aufgenommen.
Auch wenn der Name Zebrastreifen eher an Afrika erinnert: In Tofino sind andere Tiere darauf verewigt. Die haben wir allerdings nicht in unsere Liste aufgenommen.

Das Gefühl, „the end of the road“ erreicht zu haben, ist in dem 1800-Seelen-Dorf denn auch allgegenwärtig (und wird, unter anderem in der „Tofino Time“, auch regelmäßig thematisiert): Wir haben keinen Ort auf unserer Reise erlebt, in dem es entspannter zugegangen ist. Tofino ist ein Mekka zweier Wassersportarten: Surfen und Seekajakfahren. Und im Sommer bevölkern deshalb viele junge Menschen die wenigen Straßen des Ortes und vor allem die Strände. Auch jetzt noch begegnen uns hier Menschen, die ihr Surfboard wahlweise auf dem Pickup oder auf dem Fahrrad dabeihaben. Die lokalen Busse transportieren die Boards kostenlos und Neoprenanzüge kann man nicht nur in jedem zweiten Geschäft an der Hauptstraße kaufen – sie gehören auch zur Alltagsgarderobe im Straßenbild von Tofino. Alles ist hier irgendwie bio und nachhaltig gedacht, selbst die Zebrastreifen und die Fahrradständer an der Straße verdeutlichen das Leben im Einklang mit der Natur, das man hier zu führen versucht: Wale, Haie und Wellen bestimmen das Bild.

Aus unserer geplanten Kajaktour durch den spektakulären Clayoquot-Sund mit seinen unzähligen Inseln und Buchten wird leider nichts, denn wir bekommen an den drei Tagen, die wir in Tofino verbringen, das typische Wetter mit, wie uns die „locals“ versichern: Pazifik-Nebel. Wir lassen uns stattdessen auf eine Whale Watching-Tour ein, die zwar viel zu teuer ist, aber auch ziemlich erfolgreich. Wir beobachten zwei Grauwale, die derzeit in den Buchten vor dem Ort auf Futtersuche sind. Außerdem sehen wir Seelöwen, Weißkopfseeadler, Otter, Möwen natürlich, aber auch springende Lachse, Kormorane und Fischreiher.

Pfade durch den Regenwald bei Tofino.
Pfade durch den Regenwald bei Tofino.
Pfade durch den Regenwald bei Tofino.
Pfade durch den Regenwald bei Tofino.
Pfade durch den Regenwald bei Tofino
Pfade durch den Regenwald bei Tofino
Regenwald auf Vancouver Island
Regenwald auf Vancouver Island

Und dann ist da noch der Regenwald, der Tofino und die südliche Nachbargemeinde mit dem unaussprechlichen Namen Ucluelet umgibt. Wer will, kann von der Straße auf einen Parkplatz abbiegen und eine kurze Wanderung durch dichten und bis auf ein paar Stege naturbelassenen Regenwald machen. Man erreicht am Ende des Weges den Strand und kann bei Ebbe noch einige Meter zu einer Felseninsel laufen. Bei Flut ist am unteren Ende des Weges auch tatsächlich Schluss: Die Wellen des Pazifiks branden dann direkt an den Waldrand.

Am Ende des Schooner Trails: Die Insel ist nur bei Ebbe erreichbar.
Am Ende des Schooner Trails: Die Insel ist nur bei Ebbe erreichbar.

Überhaupt ist man sich der Macht des Ozeans, an dessen Gestaden man hier lebt, auch in anderer Hinsicht bewusst: Überall wird man darauf hingewiesen, dass man sich in einer Tsunami-Gefahrenzone bewegt. Denn, sollte auf der anderen Seite des Ozeans, in Japan, die Erde beben, der Tsunami käme hier, an der Westküste Vancouver Islands, ungebremst an. Kein Wunder, dass Frank Schätzing Tofino und Vancouver Island auch in seinem mit realen Orten und Personen üppig ausgestatteten Ozean-Thriller „Der Schwarm“ eine Rolle spielen lässt.

Der Pazifik bei Tofino.
Der Pazifik bei Tofino.

Wie übrigens auch das tolle Restaurant im „Wickanninish Inn“, einem luxuriösen Hotel, das auf ein Felsplateau direkt an den Strand gebaut ist. Wenn es im Herbst und Winter stürmt, ist das „Wickanninish Inn“ an drei Seiten von Wasser umgeben. Die Gäste sitzen dann am gemütlichen Kaminfeuer im rundum verglasten Restaurant und genießen das „Stormwatching“. Ganz ruhig und eben in Nebel gehüllt ist der Pazifik jedoch am Abend meines Geburtstages, den wir im „Wickanninish Inn“ mit einem fürstlichen Abendessen feiern.

Auf dem Rückweg nach Vancouver
Auf dem Rückweg nach Vancouver

Vancouver Island, beschließen wir nicht erst an unserem letzten Abend hier, ist in jedem Fall einen weiteren, ausführlichen Besuch wert. Mit Boot und Board und mehr Zeit. Wir werden wiederkommen, wissen wir, als wir uns auf den Weg zurück durch die Berge und aufs Festland machen.

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