Gut Papendell – seit hunderten von Jahren im Rotthäuser Bachtal

Tsunami-Gefahr im Rotthäuser Bachtal

Wer das Glitzer-Düsseldorf mit Königsallee und Medienhafen kennt, vermutet nicht, dass die Landeshauptstadt gerade in ihrem bewaldeten Osten viel Natur zu bieten hat. Hier schlängeln sich Bäche durch ihre Täler, bleiben Auenwälder unberührt und warten sanfte Hügel darauf erklommen und Einschnitte darauf, durchwandert zu werden. Wir haben das erste Herbstwochenende für eine kleine Runde durchs Rotthäuser Bachtal genutzt, sind durch Weidenalleen geschlichen, waren dem Meeresboden nah und haben uns akuter Tsunami-Gefahr ausgesetzt. Ein Spaziergang durchs Outback Düsseldorfs. 

Wir wandern auf uraltem Meeresboden. Es ist ein wenig schwül und dem blauen Himmel auf der einen Seite nähert sich eine graue Wolkenwand von der anderen. Es wird noch regnen heute – aber, da geben wir uns sicher – erst später. An der Morper Straße sind wir aus der Straßenbahn ausgestiegen, an den alten Arbeiterhäuschen der Gerresheimer Glashütte vorbeigelaufen, in die Siedlung an der Hagener Straße eingebogen und am Haus der Naturfreunde Düsseldorf schließlich in den Wald gelangt. Hier beginnt das Rotthäuser Bachtal, eines der vielen kleinen Täler, die die fleißigen Fließgewässer in Jahrtausenden durch ihre Reviere gegraben haben, bevor sie sich alle in größere Bäche und kleine Flüsse und schließlich in den großen Strom, den Rhein ergießen.

Und hier beginnt auch die Sache mit dem Meeresboden. Denn dort, wo wir heute gehen, schwappten einst die Fluten eines Meeres. Das ist freilich schon einige Zeit her, etwa 40 Millionen Jahre, aber die Überbleibsel dieses Vorläufers der Nordsee kann heute noch jeder Spaziergänger betrachten: Aus gelbem Meeressand bestehen die Hänge des Rotthäuser Bachtals. Und vielerorts sind sie zusätzlich bedeckt mit kleinen Kieseln. Das sind Erinnerungen an den Rhein, der etwas später, vor gut 500.000 Jahren, hier ein Delta bildete, bevor er sich nach und nach sein heutiges Bett schuf.

Wir sind immer noch in der Landeshauptstadt. Aber dieses Düsseldorf hat nichts gemein mit der Glitzermeile Königsallee, dem noblen Kö-Bogen oder dem eleganten, aber steinernen Medienhafen, nicht einmal mit der rustikalen, bierseligen Touristenmeile in der Altstadt. Im Osten der Stadt hat die Natur noch viel Raum und der Besucher die Gelegenheit zu erahnen, wie bewegt die Naturgeschichte dieser Landschaft ist.

Urwald?
Urwald?

Wir laufen aus dem Waldstück heraus und gelangen an ein offenes Feld, das einen schönen Panorama-Blick ins Tal eröffnet. Ein lauter werdendes Sirren lässt uns aufhorchen und wir merken, dass ein Zug naht: Der Weg, hier ist er noch asphaltiert, führt entlang der Bahnstrecke der Regio-Bahn nach Mettmann. Hin und wieder saust einer der kurzen Züge an uns vorbei und fährt weiter nach Gerresheim oder in die Gegenrichtung nach Erkrath.

Düsseldorf, in seinem Hauptgebiet sich entlang des Rheins erstreckend, ist mehr als doppelt so lang wie breit und der größte Teil des Stadtgebietes liegt in der Niederrheinischen Bucht. Das ist wohlfeil umschrieben für: landschaftlich sterbenslangweilig. Interessanter wird es hier im Osten, wo die Landschaft sich zum Bergiscben Land hin erhebt oder, wie die Geologen sagen: wo der Übergang von der Mittelterrasse des Rheins zur Hochterrasse liegt, das Ganze also ein bisschen bergiger wird.

Kurz vor der Bahnunterführung am Trotzweg überqueren wir den Rotthäuser Bach, der dem Tal seinen Namen gibt und wenden uns dann nach links, um ins Tal hinein zu laufen. Ein abgeerntetes Kornfeld umlaufen wir in weitem Bogen. Dort, wo im Sommer die Halme mannshoch stehen, liegen die Reste jetzt platt gedrückt von Wind und Regen auf dem Feld. Ein kleines Stück laufen wir entlang des Bachs, der hier vielleicht zwei Meter unter uns in seinem Bett vor sich hin plätschert. Seine Ufer sind recht steil und so findet der sonst seltene Eisvogel hier in anderen Jahreszeiten gute Brutplätze.

Tsunami-Gefahr? Ist die Ruhe bei den Teichen im Rotthäuser Bachtal vielleicht zu trügerisch? Droht eine Monsterwelle?
Tsunami-Gefahr? Ist die Ruhe bei den Teichen im Rotthäuser Bachtal vielleicht zu trügerisch? Droht eine Monsterwelle?

Der Bach versorgt auch die zahlreichen Teiche in seinem Tal mit Wasser. Hinter der nächsten Wegbiegung erwarten uns die ersten beiden mit ihren glitzernden Wasserflächen. Früher nutzte man die Teiche zur Karpfenzucht. Seit das Bachtal aber 1984 unter Naturschutz gestellt wurde und man feststellte, dass die Fütterung der Karpfen und deren Ausscheidungen zu einer Überdüngung des Baches führten, ließ man es sein. Heute dienen die Teiche und ihre Schilfufer ebenfalls seltenen Vogelarten wie dem Teichrohrsänger oder dem Rohrammer als Nistflächen und im Sommer schwirren Libellen über das flache Wasser der kleinen Seen.

Ob uns das Wasser jemals gefährlich werden könnte? Wir fragen uns, ob die als handfeste Tsunami-Warnung zu interpretierenden Schilder am Gut Papendell nicht ein wenig übertrieben sind. Wir müssen hier auf einem etwas morastigen Damm zwischen den beiden Teichen hindurch. Zwar treffen am Gutshaus Papendell, das schon im 15. Jahrhundert urkundlich erwähnt wurde, drei ebenso alte Wander- und Zufahrtswege aufeinander – der heutige Besitzer macht durch massive Absperrungen und eine Vielzahl unmissverständlicher Warnheinweise jedoch klar, dass er keine Wanderer auf seinem Grundstück duldet. Durchwandern verboten – wir müssen außen herum und das bedeutet: über den Damm. Wir zwängen uns zwischen dem Zaun des Hofes und dem einer kleinen Weide hindurch zum Teichufer. Eine der braunen Milchkühe betrachtet uns verwundert direkt von ihrem Platz hinter dem Drahtzaun aus.

Wir meistern die dreißig Meter Damm zügigen Schrittes, immer ein Auge auf den (trügerisch?) friedlich daliegenden Teich: Droht eine Monsterwelle? Alles geht gut und wir beginnen am Nordufer den jetzt folgenden Aufstieg wieder in den Wald hinein. Jedem, der hier wandern möchte, sei festes Schuhwerk empfohlen, denn es wird nicht nur steil, sondern auch matschig. Die tagelangen Regengüsse haben den Boden sehr aufgeweicht. Wer nicht im Modder landen möchte, setze seine Schritte bedacht.

 

Nach dem Aufstieg folgt der Abstieg: Nicht das Ausflugslokal “Kaisershof” kann uns heute locken, sondern der Weg zurück nach Gerresheim.
Nach dem Aufstieg folgt der Abstieg: Nicht das Ausflugslokal “Kaisershof” kann uns heute locken, sondern der Weg zurück nach Gerresheim.
Eine verwunschene Weidenallee. Die Brücke führt über den Rotthäuser Bach.
Eine verwunschene Weidenallee. Die Brücke führt über den Rotthäuser Bach.

Der kurze Aufstieg endet an einer Weggabelung. Rechts könnten wir zum Ausflugslokal „Kaisershof“ laufen, aber wir entscheiden uns für den Abstieg durch den Wald und gehen nach links. Ein kleiner Hohlweg führt uns entlang einer Geländekante wieder zurück in Sichtweite des Baches – allerdings fließt er jetzt gute zehn Meter unter uns. Erst einige Waldboden-Serpentinen, die mit vielen Wurzeln immer wieder Stolperfallen bieten, leiten uns wieder in die Senke.

Unerwartet öffnet sich der Weg zu einer schönen Weidenallee. Auf einer kleine Holzbrücke überqueren wir unseren alten Bekannten, den Bach, und steigen auf einem schmalen Trampelpfad wieder auf, lassen einen Hof rechts liegen und finden uns plötzlich am Rande eines Maisfelds wieder. Der Mais, einen Kopf größer als wir, steht kerzengerade und trägt verlockend viele Früchte. Sie sind bald erntereif, die grün verpackten, aber im Kern goldgelben Maiskolben.

Mannshoch und kerzengerade: Mais.
Mannshoch und kerzengerade: Mais.
Gelb und saftig im Innern: Maiskolben aus dem Bachtal.
Gelb und saftig im Innern: Maiskolben aus dem Bachtal.
Herbst über den östlichen Ausläufern der Landeshauptstadt. Gerresheimer Funkturm und Höhenzug am Rotthäuser Weg.
Herbst über den östlichen Ausläufern der Landeshauptstadt. Gerresheimer Funkturm und Höhenzug am Rotthäuser Weg.

Mitten durchs Maisfeld führt uns der Weg, erst auf Schotter, dann wieder asphaltiert, bis hinauf zum Rotthäuser Weg und darüber hinaus auf einem winzigen Hohlweg wieder hinein in den Wald mit hier riesigen Bäumen. Hier und da plätschert Wasser aus den Hängen und der zunehmende Wind lässt die Blätter hoch über uns rauschen. Der Himmel hat sich weiter zugezogen und hier im Wald ist es nun fast dunkel.

Immer weiter hinab geht es – bis wir unvermittelt wieder auf einer Straße stehen. Wir haben das Tal gewechselt: Der Hohlweg, der uns von der Höhe des Rotthäuser Weges hinunterführte, hat uns geradewegs zum Pillebach gebracht, der, leider in einem hässlichen Betonkanal, hier vor uns liegt.

Wir sind wieder in Gerresheim.

Wegbeschreibung:

Wer das Rotthäuser Bachtal erwandern möchte, kann bspw. bis zum Bahnhof Gerresheim mit der S-Bahn fahren. Weiter mit der Straßenbahn, Linie 703, bis „Morper Straße“. Der Weg lässt sich aber auch in fünf Minuten zu Fuß zurücklegen. Die Morper Straße dann stadtauswärts entlanggehen, bis links die Einmündung zur Lüdenscheider Straße kommt. Links einbiegen und dann die zweite rechts in die Hagener Straße. An deren Ende führt ein kleiner Pfad links zum Naturfreunde-Haus und von dort in den Wald.

Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von mapsengine.google.com zu laden.

Inhalt laden

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 + drei =