Schafe, Schilder, Schuhe und Schleifenquadrate

50.000 Menschen leben auf den Färöer-Inseln – und 80.000 Schafe. Deren Produkte sind überall – und zwar alle Produkte. Auch Wolle. 

Es war das Jahr 1828, als der Kieler Gelehrte Carl Julian Graba einen Reisebericht veröffentlichte. Graba war zu den Färöer-Inseln gereist – aber so recht verstanden haben wird er sie nicht. „Färöer“, stellt er gleich zu Anfang seines Buches fest, bedeuteten „die fernen Inseln“. Völliger Humbug – Graba hätte nur einmal einen Färinger oder auch jeden beliebigen Dänen fragen können: Das Wort bedeutet „Schafsinseln“.

Wären wir ein bisschen früher da gewesen, so knapp 200 Jahre, hätte er auch uns fragen können. Wir haben auch verstanden, woher der Name kommt. Sie sind wirklich überall, die Schafe. Einen Rasenmäher besitzt vielleicht nur der ein oder andere Hauseigentümer in der Hauptstadt. In allen anderen Teilen dieser Inselwelt halten die wollenen Vierbeiner das Gras kurz.

Ein Reisetipp von uns: Wer auf die Färöer will, nehme Gummistiefel oder zumindest feste, wasser-, matsch- und – naja, halt dichte Wanderschuhe mit. Nur ein Tipp.

So sieht tatsächlich das Nationalmuseum der Färöer aus
So sieht tatsächlich das Nationalmuseum der Färöer aus
Das Örtchen Gjógv an der Nordküste Eysturoys
Das Örtchen Gjógv an der Nordküste Eysturoys
Bei Saksun auf der Insel Streymoy
Bei Saksun auf der Insel Streymoy

Wahrscheinlich haben die Iren damals die Schafe mitgebracht, als sie die Inseln besiedelten. Von da an war die Population der lebenden Rasenmäher durch nichts – mal abgesehen von der ein oder anderen Seuche im Mittelalter – mehr aufzuhalten. Man sagt, den knapp 50.000 Färingern, die heute auf den Inseln wohnen, stehen etwa 80.000 Schafe gegenüber. Schon zu Zeiten der Wikinger, die gut 200 Jahre nach den irischen Mönchen aus Norwegen hersegelten und bis heute hier blieben, war Wolle – neben Fisch – das wichtigste Handelsprodukt.

Davon zeugt eine Socke, die wir im Nationalmuseum gefunden haben. Dieser Geschichte vorausgeschickt werden muss aber noch, wie wir das Nationalmusem gefunden haben.

Schilder, egal welcher Art, sind auf den Färöern relativ unbekannt. Straßenschilder sind manchmal da, aber verlassen sollte man sich nicht darauf, Hinweis- oder auch Warnschilder sind praktisch nicht vorhanden. Wer also das Nationalmuseum sucht, braucht einen guten Stadtplan von Torshavn oder jemanden, den er fragen kann. Wir hatten beides nicht, konnten uns aber eine Ausnahme von der Schilderabstinenz zunutze machen: Die Färinger weisen gerne auf ihre Sehenswürdigkeiten hin. Allerdings auf eher unverbindliche Weise: Es gibt stets nur den allgemeinen piktografischen Hinweis auf eine „Sehenswürdigkeit“ – die Experten nennen das Zeichen Tristramsknoten, Johannskreuz oder auch Schleifenquadrat, dieses Quadrat mit den vier Kringeln an den Ecken. Apple-User wissen jetzt Bescheid. Dieses Schild findet sich also stets – jedoch nie eine Spezifizierung der Sache. Man muss schon selbst herausfinden, in der Nähe welcher Sehenswürdigkeit man sich gerade befindet.

Regen und Nebel an der Nordküste der Insel Eysturoy
Regen und Nebel an der Nordküste der Insel Eysturoy
Brandung an einem Felsen vor Mykines
Brandung an einem Felsen vor Mykines
Eines der wenigen Schilder.
Eines der wenigen Schilder.

Das Nationalmuseum ist ein altes Möbel-Lagerhaus aus Waschbeton am Ortsrand von Hoyvik, was wiederum ein Vorort von Torshavn ist. Ziemlich unwürdig, das alles, für ein Nationalmuseum. Vielleicht heben es die Färinger auch deshalb nicht so recht hervor: Von der Hauptstraße weist nur ein Kringelschild in Richtung Waschbetonklotz. Einzig der Parkplatz vor der Möbelhalle ist als dem Museum zugehörig gekennzeichnet. Wer jetzt aber auch nicht weiß, dass „Forøya Forminnisavn“ das „Nationale Museum der Färöer“ bezeichnet – tja.

Steile Serpentinenstraße auf Eysturoy
Steile Serpentinenstraße auf Eysturoy
Am Strand von Tjornuvik
Am Strand von Tjornuvik

Aber zurück zu der Socke. Die liegt in einer der Vitrinen des Museums und ist praktisch ein färingischer Re-Import. Denn eigentlich steckte sie ein paar hundert Jahre im Kopenhagener Hafen fest. 175.000 Wollsocken, heißt es, seien irgendwann zum Ende des Mittelalters in der dänischen Hauptstadt (die damals übrigens auch die färingische war) unverkäuflich geblieben – warum auch immer. Die Dänen dachten praktisch und stopften sie zur Unterstützung einer Aufschüttung im Hafen in den Schlick. Erst im 19. Jahrhundert fand man einige Exemplare wieder. Eines fand seinen Weg zurück auf die Inseln und liegt jetzt in der Vitrine.

Wir stellen am selben Nachmittag fest, dass auch wir Wollsocken exportieren könnten, wenn wir wollten. Im Souvenirladen in der Torshavener Innenstadt werden tatsächlich schöne Exemplare feilgeboten. Jedoch für knapp 1000 Kronen pro Paar. Auch wenn wir uns in vielerlei Hinsicht schon an die färingischen Preise gewöhnt haben – 134 Euro für ein Paar Wollsocken sind wir nicht bereit zu investieren.

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