Startseite » La Serenissima und die Drachen von Siena

La Serenissima und die Drachen von Siena

Zwei tolle Tage, ein perfekter Platz und große Schiffe in der Lagunenstadt Venedig. Danach: Drei Tage in der Toskana, in denen wir gelernt haben, dass Neujahr auch Ende März sein kann.

Über Venedig ist wahrscheinlich schon so ziemlich alles geschrieben worden, was man so schreiben kann. Die Stadt in der Lagune ist wissenschaftlich vermessen und kartografiert, man hat ihre Geschichte zu Genüge erforscht und ihre Zukunft ebenso (sie wird untergehen, wenn man nichts unternimmt), Venedig ist Schauplatz großer Literatur (etwa: Thomas Manns „Tod in Venedig“) und von öden Krimis (etwa: Donna Leons „Commissario Brunetti“).

Und doch ist Venedig ein Sehnsuchtsort. Stadt der Romantik, Stadt der Ewigkeit (nicht zu verwechseln mit Rom), Stadt des Wassers – wer will Venedig nicht wenigstens einmal gesehen haben im Leben?

Deshalb haben wir „La Serenissima“, wie die Stadt in der Adria sich selbst nennt, zu einer Station auf unserer Reise gemacht. Zwei Nächte haben wir hier auf einem sehr netten Campingplatz verbracht, der außerhalb des eigentlichen Venedigs liegt (wie sollte man auch in der Lagune einen Campingplatz unterbringen), aber dennoch sehr gut: Denn „Camping Fusina“, im gleichnamigen Stadtteil Venedigs gelegen, hat einen direkten Anschluss an das öffentliche Personennahverkehrssystem der Stadt. Und das funktioniert naturgemäß mit Booten. Die Fähre legt 150 Meter vom Campingplatzeingang ab und fährt direkt in die Stadt.

Mit der „Blauen Linie“ von Fusina in die Stadt.

In Venedig selbst sind wir bewusst weitgehend ziellos umhergelaufen – eine der schönsten Arten, eine Stadt zu entdecken, finden wir. Natürlich haben wir den Markusplatz besucht (für Stadtplaner einer der wenigen „perfekten“ Stadtplätze – für alle, die uns nicht kennen: Anne ist Stadtplanerin) und von der Rialto-Brücke das wuselige Treiben auf der „Hauptstraße“ Venedigs, dem Canal Grande, betrachtet. Wir haben uns durch die engen Gassen und über die kleinen Brücken treiben lassen, denn die morbide Stimmung, die in dieser Stadt im Meer herrscht, bekommt man wahrscheinlich nur mit, wenn man sich von Dogenpalast und Guggenheim-Museum entfernt und in die engeren, verlasseneren Viertel vordringt.

Canal Grande

Markusplatz

Jetzt, in der Vorsaison, hat uns Venedig sehr gut gefallen. Es war noch nicht zu heiß und noch nicht zu überlaufen, so dass man sich nicht mit Scharen anderer Touristen im Pulk über die Brücken schieben musste. Auch Joana hat unseren Ausflug in die Lagune sehr gut mitgemacht. Wir hatten sie in der Trage dabei (für alle, die es interessiert: eine „manduca“-Tragehilfe) und sie hat sich so wohlgefühlt, dass sie die Hälfte der Stadtbesichtigung verschlafen hat… Zwischendurch hatte sie Hunger, weswegen Anne sie in einem kleinen, ruhigen Café in einer der Seitengassen gestillt hat. Das war, zum venezianisch-überhöhten Preis zweier Stücke Torte und zweier Kaffees (22 Euro) gar kein Problem. Mit dem Kinderwagen durch Venedig zu gurken empfehlen wir nicht: Es sind viel zu viele Treppenstufen zu überwinden, als das dies eine Erleichterung bedeuten würde. Lieber haben wir uns beim Tragen abgewechselt.

Wir haben uns beim Tragen abgewechselt: Joana in der „manduca“. Ein Kinderwagen ist in Venedig nicht empfehlenswert.

Nach zwei Tagen Venedig waren wir auch von unserem Stellplatz dort vielleicht etwas verwöhnt – immerhin standen wir direkt am Ufer der Lagune und konnten morgens beim Frühstück die Schiffe direkt vor dem Fenster vorbeiziehen sehen. Eine Sicht, die auch Joana in Staunen versetzte. Sie ist morgens meistens bei uns in der Dinette in ihrer Babywippe dabei. An den beiden Morgen waren jedoch ihre Spielzeuge und die frühstückenden Eltern vergessen, wenn ein riesiges Frachtschiff direkt vor uns vorbeifuhr…

Unser Stellplatz in Fusina.

Vielleicht weil wir den Platz in Venedig so schön fanden, fanden wir den nächsten Campingplatz bei Bologna so doof. Der Platz dort ist ein klassischer Stadtplatz: Am Rande der Stadt gelegen, in der Nähe der Autobahn, aber auch gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln (in diesem Fall ein Bus) erreichbar. Solche Plätze sind gute Ausgangspunkte für Stadtbesichtigungen. Meistens sind sie eher schmucklos und praktisch, weil eben nur Übernachtungsplätze für Stadttouristen. Der Platz in Bologna hatte sogar noch ein (in der Vorsaison geöffnetes!) Restaurant und eigentlich ganz schöne, wenn auch kleine Parzellen für die Wohnmobile. Trotzdem fanden wir den Platz „Camping Città di Bologna“ nur so halbgut und vergleichsweise teuer. Wie auf fast allen Campingplätzen funktionierte das WLAN nicht (hätte aber, nach der ersten Gratisstunde 10 Euro für 24 Stunden gekostet).

Wir haben also in Bologna tatsächlich nur übernachtet, die Stadt nicht besichtigt, und sind am nächsten Morgen recht früh schon weitergefahren – in die Toskana.

Unser Ziel war Siena, eine kleine Änderung des ursprünglichen Reiseplans, der uns in Italien gar nicht so weit nach Süden führen sollte. Wir haben uns dennoch dafür (und gegen eine Besichtigung von Florenz) entschieden – und das war eine sehr gute Idee.

Siena ist die heimliche Hauptstadt der Toskana (die eigentliche ist Florenz, die tatsächlich Verwaltungssitz der Provinz Toskana ist) und ist die erste Stadt, die wir (auch Stadtplanerin Anne) kennengelernt haben, die sich ihren mittelalterlichen Charakter sehr stark erhalten hat.

Wir sind in Siena durch die engen Straßen gelaufen, die von hohen Häusern umgeben sind. Es geht bergauf und bergab, weil Siena auf drei Hügeln gebaut ist und das Stadtzentrum am Schnittpunkt der Ausläufer dieser drei Hügel liegt.

Zentrum des Zentrums ist dann die „Piazza del Campo“, ein Platz, der mehr an ein Amphitheater erinnert als an einen klassischen Stadtplatz. Er ist halbrund und abschüssig und läuft auf ein Zentrum zu, an dem in einem Theater die Bühne sein würde.

Hier ist es der prächtige Palazzo Publico mit seinem alles überragenden Turm. Umgeben ist der Platz von Stadtpalästen, die aber immer wieder Durchgänge von den umliegenden Straßen auf den Platz aufweisen.

Die Piazza del Campo, der spektakuläre Hauptplatz von Siena

Die Seneser nutzen den Platz als Treffpunkt: An dem warmen Freitagabend, an dem wir zum ersten Mal dort waren, saßen, standen und lagen sie allein, zu zweit oder in kleinen Grüppchen auf dem Platz, tranken Bier, aßen Eis oder schwatzten einfach miteinander. Schöner, das müssen wohl auch die Stadtplaner zugeben, können die Menschen nicht bekunden, dass sie ihre Stadt lieben. Wir haben uns dann auch auf der Piazza del Campo niedergelassen und das teuerste Eis unseres Lebens gegessen (vier Kugeln 13 Euro)…

Im Palazzo Publico

Übernachtet haben wir in Siena auf einem sehr schön gelegenen Platz oberhalb der Stadt, dem „Camping Colleverde“. Der Platz ist ordentlich, die Waschhäuser einfach, aber sauber und einige der Terrassen, in denen der Platz angelegt ist, erlauben einen Blick hinunter in die Stadt. Fast vor dem Eingang des Campingplatzes fährt der Bus in die Stadt ab, einzig das WLAN war auch hier mal wieder sehr unzuverlässig.

Vielleicht sind noch die Drachen, Wölfe, Einhörner, Schnecken und Panter, die es in Siena gibt, eine Erwähnung wert: Die 17 Stadtteile („Contrade“), die Siena aufweist und die im Leben der Seneser in Form sozialer Bindungen bis heute eine vergleichsweise große Rolle spielen, haben je ein eigenes Wappentier oder -symbol. Viele dieser Tiere finden sich auch an den Gebäuden, die die Grenzen der Contrade markieren.

Zufällig haben wir das traditionelle Neujahrsfest der Contrade mitbekommen: Am Abend des 25. März ziehen immer Repräsentanten der Stadtviertel in historischen Kostümen, mit Fahnenträgern und Trommeln durch die Stadt. Ein interessantes Schauspiel, das wir von der Piazza aus verfolgt haben. Man hört zunächst die Trommler durch die Gassen rund um den Platz immer näher kommen, sieht dann irgendwann durch die Torbögen und Gassen der Durchgänge die Fahnen  und schließlich biegt der Zug auf die Piazza, um dann im Palazzo Public empfangen zu werden. Die ganze Innenstadt ist in den Farben der Contrade geschmückt und beflaggt.

Hintergrund ist ein historisches Kuriosum: Bis 1749 begann in Siena (und Florenz, Pisa und Lucca) das neue Jahr am 25. März (für Katholiken: also mit der Verkündung der Geburt Jesu durch den Erzengel Gabriel an die Jungfrau Maria). Erst 1749 entschied der Großherzog Francesco III., dass man nun auch in der Toskana, und zwar der gesamten, den Gregorianischen Kalender einführe und der Neujahrstag fortan der 1. Januar sei. Eigenwillig wie man in der Toskana aber ist, feiert man den alten Neujahrstag am 25. März bis heute.

(Danke übrigens an das Facebook-Team von Enjoy Siena, das ich mit meiner Frage zu dem Umzug – denn wir haben keine Information dazu gefunden – um 21.45 Uhr traktiert habe und gute zehn Minuten später eine Antwort hatte! 🙂 )

Im nächsten Blog geht es an die italienische Riviera und dort in die U-Bahn.

Die Elternzeit-Reise mit dem Wohnmobil
Anne und Oliver unternehmen eine achtwöchige Elternzeit-Reise mit ihrer kleinen Tochter Joana. Sie fahren mit einem Wohnmobil durch Südeuropa und bloggen hier über die Reise. Alle Beiträge über die Elternzeit-Reise finden sich in dieser Übersicht. Unsere Erfahrungen mit Wohnmobil-Reisen mit Kind haben wir in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

zehn + vierzehn =