Alte Industriearchitektur an den Ufern der Stadtelster. Die meisten Gebäude sind saniert und zu Wohnungen umgebaut worden.

Im Kajak durch Leipzig

Wir sind durch Leipzig gefahren – im Kajak. Kaum jemand weiß, dass Leipzig eigentlich eine Wasserstadt ist: Drei Flüsse fließen hier zusammen. Was in der DDR-Zeit zugeschüttet und wegbetoniert wurde, kommt nach und nach wieder ans Tageslicht: Leipzig kehrt ans Wasser zurück. 150 Kilometer Wasserwege sind schon wieder sicht- und teilweise befahrbar. Eine Stadtrundfahrt zu Fluss. 

Von der „Stadt der Linden“, urbs lipzi, berichtete im Jahr 1015 zum ersten Mal der Bischof Thietmar von Merseburg. Urbs Lipzi, das heutige Leipzig, war am Zusammenfluss von Elster, Pleiße und Parthe gegründet worden. Jahrhundertelang war das Wasser auch einer der Wirtschaftsfaktoren der Stadt: So legte man beispielsweise mehrere Mühlgräben an, um die reichlich vorhandene Wasserkraft zu nutzen.

Vor allem durch den Braunkohletagebau, der fast das ganze 20. Jahrhundert lang um Leipzig herum betrieben wurde, schnitt man die Messestadt vom Wasser ab. Bedingt durch den Tagebau sank der Grundwasserspiegel in der gesamten Region. In Leipzig trockneten deshalb viele kleinere Gräben und Zuflüsse aus. Gleichzeitig bauten die DDR-Behörden beispielsweise das Elsterbecken als Maßnahme für den Hochwasserschutz – eine Aufgabe, die zuvor die natürlichen Auenwälder südlich der Stadt wahrgenommen hatten. Die aber hatte man großenteils abgebaggert, um an die Braunkohle zu kommen.

Anfang der 50-er Jahre waren die Flüsse in der Stadt durch die Einleitung von ungeklärten Abwässern der Industrie so verschmutzt und giftig, dass man sie nicht mehr sehen wollte: 1951 bis 56 verschwand so beispielsweise die Parthe komplett aus dem Stadtbild. Denn statt die Ursache für die Verschmutzung zu beseitigen, beseitigte man die Symptome: Der Fluss wurde mit Beton überdeckelt und unter die Straße gelegt.

Das alles wird nun nach und nach rückgängig gemacht, so dass Leipzig wieder zur Fluss-Stadt wird. Es gibt verschiedene Angaben darüber, wie viele Kilometer Fluss- und Kanalwege schon wieder vorhanden sind – sie schwanken zwischen 140 und knapp 300 – auf jeden Fall sind es genügend, um schon jetzt eine Stadtrundfahrt durch Leipzig mit dem Kanu oder dem Kajak zu wagen.

Mehrere verschiedene Kurse durch die Stadt schlagen die fleißigen Wassertouristiker Leipzigs vor. Wir wählen einen mit Schwerpunkt „Industriearchitektur“. Wir starten deshalb am Rennbahnsteg, mitten im grünen Herz der Innenstadt, dem Clara-Zetkin-Park. Auf einem breiten Wasserweg, dem Elsterflutbecken, das an beiden Ufern gesäumt wird von Parks und befahren wird von vielen Ruderern, Kajaks und Kanus, paddeln wir in Richtung Palmengartenwehr. Hier muss man sich entscheiden: Rechts in den Elstermühlgraben zum neuen Stadthafen abbiegen oder links in den Pleißemühlgraben und die Weiße Elster, die durch das alte industrielle Herz Leipzigs führt.

Teilt Elsterbett und Elsterflutbett: das Palmengartenwehr
Teilt Elsterbett und Elsterflutbett: das Palmengartenwehr
Im Palmengarten
Im Palmengarten
Schöne Terrassen am Ufer des Palmengartens
Schöne Terrassen am Ufer des Palmengartens

Interessant beim Palmengartenwehr: Kein Schild warnt den (mitunter ungeübten) Paddler davor, zu nah an das Wehr zu fahren. Der Höhenunterschied zum Elsterbecken ist zwar nur etwa zwei Meter – aber wer hier nicht Abstand hält und mit dem Wasser herunterstürzt, ist in akuter Lebensgefahr. Ob es schon Unfälle am Wehr gab, weiß ich nicht. Aber ein Schild a lá „Fahr nicht geradeaus oder Du stirbst“ könnte helfen, welche zu verhindern…

Wir entscheiden uns für links und paddeln erst einmal durch den grünen Palmengarten und den Wagnerhain. Leipzig gilt als die grünste deutsche Großstadt: Die Hälfte des Stadtgebietes sind Grünflächen.

Dann wird es allerdings schon baulich dichter: Erst paddeln wir unter verschiedenen niedrigen Brücken hindurch, um dann an den Buntgarnwerken vorbeizufahren. Die riesigen alten Industriebauten sind heute zu Wohnungen umgebaut, viele mit direktem Wasserzugang über eigene Stege und Schwimmer. Wir sehen im Vorbeifahren eine kleine Bootshalle in einem der Wohnhäuser. Viele Leipziger, die hier wohnen, haben sich aber mitunter selbst geholfen und ihre Boote auf selbst gebauten Konstruktionen direkt ans Wasser gelegt.

Im Venezia-Quartier
Im Venezia-Quartier
Am und auf dem Fluss finden sich einige Restaurants
Am und auf dem Fluss finden sich einige Restaurants
Einige Leipziger bauen sich den Bootsliegeplatz kurzerhand selbst
Einige Leipziger bauen sich den Bootsliegeplatz kurzerhand selbst
An der Stadtelster
An der Stadtelster

Das Viertel, die Investoren haben es etwas hochtrabend „Venezia-Quartier“ genannt, ist lebendig: Restaurants finden sich direkt am und teilweise auf dem Wasser, clevere Gastronomen haben zwei originale Gondeln aus dem echten Venedig importiert und schippern ihre Gäste bisweilen über die Stadtelster.

Wir biegen noch einmal nach rechts ab, in den Karl-Heine-Kanal. Karl Heine war einer der prägendsten Visionäre Leipzigs im 19. Jahrhundert. Seine Idee: Leipzig sollte Anschluss an die Weltmeere erhalten. Zumindest über ein System aus Flüssen und Kanälen, so dass man in jedem Fall den Hamburger Hafen von Leipzig aus auf dem Wasser erreichen könnte. Der nach ihm benannte Kanal sollte ein Stück dieses Systems werden, ebenso der Lindenauer Hafen, ein Industriehafen im Westen der Stadt, der wiederum über den Elster-Saale-Kanal an die Saale und damit an das europäische Schifffahrtsstraßennetz angeschlossen werden sollte.

Bis heute ist diese Vision noch nicht verwirklicht. Der zweite Weltkrieg kam dazwischen und dann die DDR. Dem Elster-Saale-Kanal fehlt noch das letzte Stück zwischen Zschöchergen und Leuna, wo er in die Saale münden soll. Der Lindenauer Hafen, in der DDR-Zeit weitgehend verfallen, ist noch nicht fit gemacht für die Sport- und Ausflugsboote, die dann kommen sollen. Er soll zur hübschen Marina umgebaut werden. Und dem Karl-Heine-Kanal selbst fehlen noch exakt 665 Meter, damit man in den Lindenauer Hafen einfahren kann. Alles ist geplant, seit 2009 arbeiten sich die Bagger voran.

Wir fahren den Kanal entlang, am „Riverboat“ vorbei (die gleichnamige MDR-Sendung wurde früher von hier aus gesendet, heute beherbergt das Gebäude über dem Kanal unter anderem einen – Digitalnomaden aufgepasst! – Coworking-Space) und lassen das zumindest vom Wasser aus grob-hässliche Stelzenhaus links liegen, das Ende der 30-er Jahre für eine Wellblechfabrik am Kanal gebaut wurde.

Das "Riverboat" thront über dem Karl-Heine-Kanal
Das „Riverboat“ thront über dem Karl-Heine-Kanal
Zahlreiche Brücken überspannen den Kanal, der mitten durch die Stadtteile Plagwitz und Lindenau fließt
Zahlreiche Brücken überspannen den Kanal, der mitten durch die Stadtteile Plagwitz und Lindenau fließt

Über uns rattert die S-Bahn über ihre Brücke, aber schon nach der nächsten Biegung begegnen wir einem Fischreiher, der sich durch die Paddler, die an ihm vorbeiziehen und neugierig betrachten, nicht aus der Ruhe bringen lässt und weiterhin nach Beute lugt. Kurz vor unserem Ziel, dem Bootsanleger am „Kanal 28“ (empfehlenswertes Café) schwimmt auch noch ein Otter eine Zeitlang mit uns mit. Die ein oder andere Ente jage ich mit meinem Kajak und ernte nach erfolgtem Ausweichmanöver (seitens der Ente) verärgertes Gequake.

Wir steigen am Ende des Karl-Heine-Kanals aus und stärken uns mit einem Kaffee. Hier gibt es für alle, die die Tour nicht wieder zurück fahren wollen, Bus- und Straßenbahnanbindungen (klären, was mit dem Boot passiert) und für alle, die hier starten wollen, auch einen neuen Bootsverleih mit gutem Material (der, wie wir erfahren haben, Abholung der Paddler und Bootsrückholung auf Anfrage gleich mit anbietet).

Die König-Albert-Brücke
Die König-Albert-Brücke
Leipzig-Lindenau vom Wasser aus
Leipzig-Lindenau vom Wasser aus

Eine schöne Tour durch eine sich dynamisch entwickelnde Stadt. Wir werden nicht zum letzten Mal auf dem Wasser durch Leipzig gefahren sein – es gibt noch mehr Kurse zu entdecken und vor allem: Das Wasserstraßennetz wächst ständig. Wer will, kann beispielsweise mittlerweile auch von Leipzig aus mit dem Kajak ins Neuseenland rund um die Stadt fahren. Hier nutzt man die Mondlandschaft, die Braunkohletagebau stets hinterlässt, indem man die Krater flutet und ein Wassersportgebiet entstehen lässt.

Ein kleines bisschen neidisch sind wir auf die Leipziger, die – mitten im Binnenland – eines der interessantesten Wassersportgebiete vor der Tür haben, die es in Deutschland gibt. Wir kommen wieder.

Einige Tipps noch:

  • Wir empfehlen den Kanu-Verleih am Karl-Heine-Kanal für den Tour-Start.
  • Bis in die Innenstadt braucht man, je nach Kondition und Laune, etwa eine bis anderthalb Stunden. Die Strecke führt an vielen markanten Gebäuden vorbei.
  • Es gibt keine nennenwerte Strömung auf den Gewässern, jedenfalls nicht bei normalen Wasserständen. Am Stelzenhaus könnte Wind ungeübten Paddlern etwas zu schaffen machen.
  • Keine Empfehlung sprechen wir für den Kanuverleih am Rennbahnsteg aus, mit dem wir eher schlechte Erfahrungen gemacht haben. Vor allem, was Freundlichkeit, Flexibilität und Ausstattung der Boote angeht. Und eine Schwimmweste hätte man uns auch anbieten können.

3 comments

  1. Havlat says:

    Schöner Bericht über eine ganz andere idyllische Seite von Leipzig.
    Hier noch ein Tipp für Wassersportanfänger: Ersatzkleidung in einem wasserdichten Beutel mitnehmen. Man muss mit der Möglichkeit rechnen, zu kentern.

  2. Stadtbummler says:

    Das Wiederkommen wird sich auf jeden Fall lohnen! Vor allem wenn man dann mit dem Kajak noch mehr vom Leipziger Neuseenland erkunden kann.. So kann man beispielsweise bald bis zum Zwenkauer See durch paddeln, dass sind immerhin 25 km vom Leipziger Zentrum, also schon mal trainieren ;)

  3. Torsten says:

    Hallo, sehr schöne Beschreibung, wir waren dieses Jahr anlässlich des Wasserfestes in Leipzig (als Wanderer) und haben die Tour am Ufer entlang sehr genossen, ich sag nur „klein Venedig“.
    Hoffentlich kommen bald die nächsten Tourenbeschreibungen… ;)

    Torsten

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