Eine gruselige Nacht und ein langer Weg

Ein Motel liegt einsam in der Landschaft. Über dem Haus funzelt die „Motel“-Neonreklame und der Name des Inhabers steht darunter: Baits. Ja, wir wissen das: Das Motel in Hitchcocks Klassiker „Psycho“ wird von Norman Bates geführt und der wird nunmal anders geschrieben. Aber als wir in den kleinen Ort Spences Bridge kamen, wuchs in uns beiden die Beklemmung. Irgendwo in eine Szene von Hitchcock, dem Thriller „Sieben“ oder Stephen King fühlten wir uns hineinversetzt.

Baits Motel
Baits Motel

Spences Bridge liegt zwischen dem Highway und einer Güterbahnlinie und besteht nur aus ein paar Häusern. Die meisten davon sind eher ausgebaute Trailerhomes und sehen verlassen aus. Es gibt noch „Baits Motel“, einen schranzig aussehenden Coffeeshop, einen Campingplatz und ein vor vielen Jahren schon geschlossenes Restaurant direkt neben dem Highway. Ein Schild preist immer noch die besten Burger an, allein: In der Küche ist schon seit langer Zeit dunkel.

Auf dem Campingplatz „Acacia Grove“ werden wir begrüßt von einer Britin, die sich mit ihrem Lebensgefährten hier vor acht Jahren ihren Traum erfüllt und einen Campground eröffnet hat. Das Hauptgebäude und das Waschhaus mit zwei Duschen und Toiletten haben die beiden augenscheinlich selbst gebaut. Die Inhaberin hat lila gefärbte Haare, trägt rosa Socken und grüne Plastiksandalen.

Wir stellen unser Wohnmobil ab und begeben uns auf einen kleinen Rundgang durch den Ort. Lange wird das nicht dauern, denn – wie gesagt – groß ist der nicht. Baits Motel lässt uns noch amüsiert weitergehen, doch als wir an den scheinbar verlassenen Trailerhomes vorbeilaufen und manchmal doch Bewegung hinter den vergilbten Vorhängen wahrzunehmen scheinen, fröstelt es uns. „No trespassing“ steht in großen Lettern an vielen Zäunen rund um die verwitterten Häuser. „Ich glaub, hier wohnen Massenmörder“, sagt Anne unvermittelt. Den Gedanken hatte ich in derselben Sekunde auch.

Der merkwürdige Coffeeshop in Spences Bridge.
Der merkwürdige Coffeeshop in Spences Bridge.
Der Thompson River
Der Thompson River

Wir machen noch eine kurze Erkundung der Brücke, die dem Ort einst ihren Namen gab. Sie ist gesperrt, anscheinend dauerhaft. Die Bezirksregierung hat Infotafeln angebracht und ein Umleitungsschild. Die nächste Überquerung des Thompson Rivers ist ein paar Kilometer weiter südlich. Die Anwohner wollen das anscheinend nicht hinnehmen. Viele selbst gemalte Schilder fordern die Wiedereröffnung und rufen zur Unterstützung einer Petition auf. Neu sehen die Schilder nicht aus.

Zurück gehen wir am Flussufer, denn im Thompson River springen die letzten Lachse dieses Jahres ihren Weg flussaufwärts.

Wir sind schon wieder auf dem Campingplatz, als ein Pickup in die Straße daneben einbiegt. Der Fahrer sieht uns, hält an und schaut eine Weile zu uns herüber, bevor er wieder anfährt und seinen Wagen ein paar Meter weiter parkt. Er steigt nicht aus – jedenfalls nicht, solange wir noch in der Nähe sind.

Wir fragen uns, ob wir die Nacht überleben werden. Zumindest die Türen zum Wohnmobil wollen wir in dieser Nacht verschließen. Zuvor kommt uns aber noch die aufgeregte Platzbesitzerin entgegen, die uns den kleinen Bären zeigen will, der seit gestern immer wieder auf dem Campingplatz gesehen wird. Als wir und eine Gruppe anderer Camper auf ihn zugehen, schießt ein Hund laut bellend aus der Gruppe auf den Bären los. Der, noch sehr jung, ist völlig verängstigt und klettert in Windeseile auf den nächsten Baum. Später sehen wir ihn hinter unserem Wagen nach Futter suchen, die anderen Camper verjagen ihn dann mit Stöcken vom Gelände.

Unser erster (und einziger) Bär. Gesehen in Spences Bridge.
Unser erster (und einziger) Bär. Gesehen in Spences Bridge.

Ein bisschen traurig stimmt uns seine Geschichte, die uns die Platzbesitzerin erzählt: Die Mutter des kleinen Bären ist von einem der Güterzüge überfahren worden, die zwischen Flussufer und Campingplatz ständig verkehren. Deswegen ist der junge Bär jetzt alleine unterwegs. Die Ranger habe sie schon informiert, sagt uns die Besitzerin. Die werden den Bären abholen und in eine Aufzuchtstation bringen. Allerdings seien gerade so viele Bären unterwegs und damit so viel zu tun, dass sie erst in einigen Tagen vorbeikommen könnten.

Am nächsten Morgen stellen wir fest, dass uns in der Nacht nichts passiert ist. Die anderen Camper scheinen auch noch vollzählig zu sein. Nichtsdestotrotz wollen wir den merkwürdigen Ort schnellstmöglich verlassen, verzichten auf die Dusche und halten das Frühstück kurz. Erleichterung breitet sich aus, als wir den „Akazienhain“ verlassen und den Wagen wieder auf den Highway steuern. Nächstes Ziel an diesem Tag: Vancouver.

Die Strecke ist noch einmal etwas mehr als 300 Kilometer lang und führt uns durch landschaftliche Extreme. Wir fahren durch das steppenhafte Bergland zwischen Kamloops und Yale. Erst danach zeigen sich die Berghänge erst nach und nach wieder bewaldet.

Wir fahren auch vorbei an den Symptomen eines Strukturwandels: Seit diese Strecke, die an den Berghängen entlang gemeinsam mit dem Thompson River durch das Land mäandriert, nicht mehr die Hauptroute für den Verkehr nach Westen ist, haben die Dörfer entlang der Straße anscheinend kaum eine wirtschaftliche Grundlage mehr. Die Regierung hat einen neuen Highway weiter östlich durch die Prärie gebaut. Hier, am alten Trans Canada Highway, gehen nach und nach die Lichter aus. Immer wieder passieren wir verlassene Restaurants und Raststätten und Dörfer, in denen jedes zweite Haus verfallen ist.

Von oben: Die tiefe Schlucht beim Hell's Gate
Von oben: Die tiefe Schlucht beim Hell’s Gate

Halt machen wir am „Hell’s Gate“, wo die Wassermassen des Fraser River (in den der Thompson vor einigen Kilometern gemündet ist) eine enge Felsschlucht passieren müssen. Simon Fraser, der große Entdecker, nach dem der Fluss benannt ist, hat hier Mitte des 19. Jahrhunderts noch an den Felswänden entlangklettern und auf von Indianern gebauten Hängebrücken den Fluss überqueren müssen. Wir haben es etwas einfacher: Eine Seilbahn bringt uns von der Straße, die hoch über dem Canyon verläuft direkt hinunter in die Schlucht. Unglaublich, dass man hier Anfang des 20. Jahrhunderts einmal einen Dampfer den Fluss hinaufgezogen hat, damit er weiter flussaufwärts seinen Dienst tun kann. 150 chinesische Arbeiter haben ihn an Seilen durch die Schlucht gezogen, weil er aus eigener Kraft die Stelle nicht passieren konnte.

Weiter südlich halten wir auch noch einmal an der Alexandra Bridge, einer schönen, leider verfallenden alten Brücke über den Fluss. Sie wird nicht mehr genutzt, seit der Highway in den 1930er Jahren weiter nach oben verlegt wurde (und dieser Highway hat, wie oben erwähnt, jetzt auch schon wieder einen Nachfolger gefunden).

Die Alexandra Bridge verfällt leider. Sie wird nicht mehr gebraucht, seit der Highway weiter oben neu gebaut wurde.
Die Alexandra Bridge verfällt leider. Sie wird nicht mehr gebraucht, seit der Highway weiter oben neu gebaut wurde.
An der Alexandra Bridge
An der Alexandra Bridge

Vancouver erreichen wir am Abend nach einer langwierigen Fahrt durch zahlreiche Vororte. Wir merken, dass hier das Herz des westlichen Kanadas schlägt: Plötzlich sind wir auf einer sechsspurigen Autobahn und fahren an Industrie- und Gewerbegebieten entlang. Ein ungewohnter Anblick nach vielen Tagen Natur. Abends stellen wir das Wohnmobil auf einen Campingplatz in North Vancouver, der nahe am Fährterminal liegt. Denn morgen wollen wir nach Vancouver Island übersetzen, zurück in die Natur. Heute aber entdecken wir, dass unser Campingplatz in unmittelbarer Nachbarschaft einer Shopping Mall liegt und nutzen den Ausflug in die Zivilisation für den Genuss eines sehr guten Burgers, von Fish and Chips und ein paar Bier in einer Sportsbar.

Unser Stellplatz in Vancouver: Der RV-Park am Capilaono River. Der River verlief hinter dem Wohnmobil, der Highway daneben und die Eisenbahnlinie dahinter.
Unser Stellplatz in Vancouver: Der RV-Park am Capilaono River. Der River verlief hinter dem Wohnmobil, der Highway daneben und die Eisenbahnlinie dahinter.

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