Lake Agnes

Die eitle Agnes und der Tee

Trotz der kühlen Höhenluft kommen wir ins Schwitzen. Nur knapp dreieinhalb Kilometer lang ist der Trail vom Lake Louise hoch zum Lake Agnes und dem gleichnamigen Teahouse. Aber knapp 400 Höhenmeter wollen überwunden werden auf dieser kurzen Strecke. Das bedeutet: Es ist steil. Den ganzen Weg entlang.

Wir sind gestartet an den Gestaden des türkisblau in der Sonne glitzernden Lake Louise. Von der Uferpromenade sah man dort nicht viel: Sie ist stets voller Menschen. Die meisten kommen mit Bussen hierher und haben nur Zeit für ungefähr vier Selfies vor der spektakulären Landschaftskulisse. Danach müssen sie weiter, die anderen Sehenswürdigkeiten anfahren und fotografieren. Das haben sie schließlich gebucht.

Auf dem Weg zum Lake Agnes
Auf dem Weg zum Lake Agnes

Wir sind froh, Zeit zu haben und uns auf den Weg in die Höhe machen zu können. Der Weg führt vorbei an dem Gebäude, das sie hier großspurig „Chateau Lake Louise“ nennen. Wir nennen es „Hässlicher Hotelklotz Lake Louise“ – wissen aber, dass dies ein traditionsreiches Haus am Ufer des Gletschersees ist.

Seit dem späten 19. Jahrhundert nächtigen hier die betuchteren Gäste, die den Westen Kanadas besuchen. Mit seinen neun Stockwerken überragt es alles andere am Ostufer des Sees. Historisch ist am Gebäude heute jedoch nichts mehr. Der Südtrakt als letzter noch verbliebener Original-Gebäudeteil brannte am 3. Juli 1903 nieder. Trotzdem ging an diesem Tag alles seinen gewohnten Gang: Um Punkt 18 Uhr wurde das Dinner serviert. Wie immer mit Orchester-Begleitung.

Der hässliche Klotz - bzw. das weltberühmte Nobelhotel Chateau Lake Louise.
Der hässliche Klotz – bzw. das weltberühmte Nobelhotel Chateau Lake Louise.

Die Gäste, die hier ihren Urlaub verbrachten, mussten natürlich mit allerlei Entertainment bei Laune gehalten werden. Eine Attraktion war dabei das Teehaus am Lake Agnes, einem kleinen Bergsee knapp 400 Meter oberhalb des Lake Louise. Man ließ es 1890 errichten und einen Trail dorthin anlegen – einen, den die eleganten Gäste des Chateaus nicht unbedingt zu Fuß, sondern beispielsweise auch auf dem Rücken eines Pferdes zurücklegen konnten.

Diesen Weg gibt es heute noch und wir kämpfen uns nach oben, ohne Pferde, zu Fuß und immer weiter. Stämmige Amerikaner geben nach der Hälfte des Weges auf, drahtige Französinnen überholen uns. Irgendwann haben wir es geschafft: Durchgeschwitzt und um den morgigen Muskelkater wohl wissend stehen wir vor einer bildhübschen Blockhütte, dem Teahouse.

Auch heute gibt es hier nur Tee, wie zu den Zeiten der zumeist britischen Touristen um die Jahrhundertwende. Kaffee bestellt man hier

Das Teehaus in der Höhe. Strom gibt es hier nur aus Solarzellen. Das Wasser für den Tee wird aus dem See gefiltert.
Das Teehaus in der Höhe. Strom gibt es hier nur aus Solarzellen. Das
Wasser für den Tee wird aus dem See gefiltert.

vergebens. Wir ordern eine große Kanne Earl Grey und zwei Sandwiches, die, wir wir dann feststellen, ausgezeichnet sind.

Seit 1981 gibt es das Teahouse wieder – nach vielen Jahren, in denen der Ort nicht genutzt wurde. Eine kanadische Unternehmerin baute die alte Hütte wieder auf und betrieb sie eine Weile selbst. Ihre schulpflichtige Tochter musste jeden Morgen zu Fuß den Weg ins Tal auf sich nehmen, um zum Schulbus zu kommen. Jeden Abend musste sie wieder den Aufstieg zur Hütte meistern. Oft im Dunkeln und allein durch den Wald, den nicht nur im Herbst Bären durchstreifen.

Eine sehr freundliche Studentin bedient uns. Sie ist einer der vier oder fünf jungen Menschen, die hier oben den anstrengendsten Sommerjob ihres Lebens haben: Sie wohnen in kleinen Hütten oberhalb des Teahouse, die, wie das Haus selbst auch, keinen Strom haben. Um 6 Uhr morgens beginnt der erste von ihnen, Brot zu backen, ab 7 Uhr bereiten die anderen gemeinsam alles für die Gäste vor, die ab 8 Uhr schnaufend nach dem Aufstieg hier ihren Tee einnehmen können.

Gemütlich: Die Terrasse des Teehauses am Lake Agnes.
Gemütlich: Die Terrasse des Teehauses am Lake Agnes.
Eine heiße Kanne Earl Grey haben wir uns gegönnt.
Eine heiße Kanne Earl Grey haben wir uns gegönnt.

Einmal im Jahr, ist auf dem Anhang der ausführlichen Teekarte zu lesen, kommt ein Helikopter und bringt die haltbaren Waren auf 2135 Meter Höhe: Mehl, Zucker, Toilettenpapier und Propangas beispielsweise. Alles andere müssen die Summerjobber im Rucksack aus dem Tal hierher bringen. Jede Woche ein bis zwei Mal.

Wasser für den Tee und alles andere zapfen die Teehaus-Betreiber direkt aus dem Gletschersee Lake Agnes. Und der hat seinen Namen gleich zwei Damen zu verdanken: Die Publizistin Agnes Knox aus Toronto war angeblich die erste Weiße, die den See gesehen hat – fortan besaß er ihren Namen. Gleichwohl besuchte auch wenige Tage später Agnes Macdonald, die Frau des ersten Premierministers Kanadas, den Ort – und nahm an, man habe den See nach ihr benannt.

So oder so: Wir stellen fest, dass Lake Agnes die Mühen des Aufstiegs wert ist. Hinunter nach Lake Louise geht es in weniger als der Hälfte der Zeit. Und hier ist die Uferpromenade noch immer voll Menschen, die Fotos von sich und dem See machen. In der Reihenfolge.

One comment

  1. Jasmin says:

    Ihr verwöhnt uns nun aber….schon wieder eine neue story! Bin begeistert :)
    Herrliche Bilder, geniale Hütte….jetzt grad bin ich neidisch :-) Prost Tee!

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