Abendstimmung über dem Tennengebirge in Abtenau.
Abendstimmung über dem Tennengebirge in Abtenau.

In die Berge, durch die Berge

Unsere Österreich-Etappe ist viel länger geworden als wir eigentlich geplant hatten. Den See haben wir gegen die Berge getauscht, einen morbiden Kurort besucht und das Wohnmobil auf einen Zug verladen.

Vom Attersee aus, wo es uns so gut gefallen hat, sind wir, um noch zwei Tage im Salzkammergut zu bleiben, zum „Oberwötzlhof“ in Abtenau gefahren. Der liegt nicht an einem See, sondern in den Bergen. Im Tennengebirge, wenn man es genau nimmt. Der Oberwötzlhof (tatsächlich direkt neben dem Unterwötzlhof gelegen) war eine handfeste Überraschung: Wir hatten keine besonderen Erwartungen an diesen familienbetriebenen Campingplatz und waren dann ganz begeistert von einem gepflegten Platz mit schönem Außenpool mit Bergblick und Sanitärräumen, die eher einem Spa gleichen als dem, was man so von Campingplätzen auch in dieser Preisklasse (mehr als 30 Euro pro Nacht) erwarten würde.

Auf dem Oberwötzlhof sind wir einmal mehr vom Wetter überrascht worden. Wir verinnerlichen erst so langsam, dass das hier in den Bergen ziemlich schnell umschlägt und dass man vor allem die Wetterprognosen aus den handelsüblichen iPhone-Apps komplett vergessen kann: Sie stimmen praktisch nie.

Abendstimmung über dem Tennengebirge in Abtenau.
Abendstimmung über dem Tennengebirge in Abtenau.

Wir hatten uns gerade mit Kindern und Fahrradanhänger, den man ja auch zu einem geländetauglichen Buggy umbauen kann, auf den Weg gemacht die Gegend zu erkunden, als rasend schnell wie aus dem Nichts dunkle Wolken aufzogen und es zu regnen begann. Was mit dicken Tropfen anfing, die auf uns herab klatschten, wuchs sich schnell zu einem ausgewachsenen Regenguss aus, der keine Faser trocken ließ. Wir versuchten noch, uns unter einem Baum ins Trockene zu retten, aber da war nichts trocken. Die Kinder haben wir im regendichten Anhänger untergebracht – wir selbst sind triefend nass am Womo angekommen.

Bikini-Schönheit im Regen.
Bikini-Schönheit im Regen.

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei, die Sonne schien wieder und bescherte uns eine imposant dunstige Abendstimmung mit Regenbogen und aus dem Tal herauf ziehendem Nebel und Joana eine tolle Gelegenheit, ihre kleinen rosafarbenen Gummistiefel einzuweihen: Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Gelegenheit nach Herzenslust in Pfützen herum zu springen. Hatten wir sie halbwegs trocken durch den Schauer gebracht – jetzt war sie klatschnass (aber glücklich).

Abendstimmung über dem Campingplatz am Oberwötzlhof in Abtenau.
Abendstimmung über dem Campingplatz am Oberwötzlhof in Abtenau.

Weiter in die Berge

Als nächste Station hatten wir uns Bad Gastein vorgenommen, ein Kurort in den Hohen Tauern, ganz im Süden des österreichischen Bundeslandes Salzburg und – wie wir da noch annahmen – am Ende einer Sackgasse gelegen, weil die Straße kurz hinter dem Ort am Bergmassiv endet. Tut sie auch – man kommt aber trotzdem weiter.


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Bad Gastein ist ein legendärer Kurort. Das Thermalwasser, das hier aus dem Berg quillt, hat seit dem Mittelalter dafür gesorgt, dass Kaiser und Könige, hohe Herren und später viele bürgerliche Gäste aus ganz Europa den damals beschwerlichen Weg durch die Hohen Tauern auf sich nahmen, um ihre Leiden hier mit ausgiebigen Bädern zu kurieren. Es entstand im Laufe der Zeit ein Ort mit beeindruckender Architektur: Weil der Platz im Tal so eng war, baute man insbesondere in der Belle Époque sehr hohe Gebäude am Hang, was Bad Gastein trotz seiner wenigen Einwohner (etwa 4000) optisch einen fast städtischen Charakter verleiht. Spektakulär ist zusätzlich auch der Wasserfall, der mitten im Ort zu Tal stürzt.

Bad Gastein: Kurort mit "morbidem Charme"
Bad Gastein: Kurort mit „morbidem Charme“

Zusätzlich zum Kurbetrieb war Bad Gestein auch mehrere hundert Jahre lang ein Bergbauort: Im ausgehenden Mittelalter hatte man Gold und Silber in den Bergen gefunden und die Vorkommen bis ins 20. Jahrhundert hinein immer aufwändiger ausgebeutet. Bis zum Ende, möchte man sagen: Bei den letzten Bemühungen Ende der 1930-er Jahre fand die damit beauftragte „Preußag“ praktisch kein Gold mehr – wohl aber im für den Abbau in den Berg getriebenen Stollen Temperaturen bis zu 40 Grad und ein hohes Aufkommen an Radongas, dem man ebenfalls heilende Wirkung zuschrieb. Statt Gold aus dem Stollen zu fahren, fuhr man fortan also Rheumapatienten in den Berg. Damit war der Kreis zum Kurbetrieb wieder geschlossen und Bad Gastein hatte seinen immensen Wohlstand für einige weitere Dekaden gesichert.

Allein: Das ist alles Vergangenheit.

Ein Wasserfall mitten im Ort: in Bad Gastein
Ein Wasserfall mitten im Ort: in Bad Gastein

Heute rottet Bad Gastein vor sich hin. Bis in die 1980-er Jahre ist zu wenig modernisiert worden, der Ort hat die wachsende Konkurrenz der anderen Kur- und Wintersportdestinationen an sich vorbeiziehen lassen. Die Häuser aus der Belle Époque verfallen zusehends, Hotelbetrieb gibt es in ihnen nicht mehr, viele sind mit Bauzäunen abgesperrt, Geschäfte sind keine mehr darin. Die Stadt verödet.

Wir sind vom Campingplatz „Erlengrund“ aus mit dem Bus (der einmal in der Stunde fährt…) in den Ort gefahren, haben einen Ausflug auf den Hausberg Stubnerkogel gemacht (mit der Seilbahn) und dann versucht, in der Stadt rund um den Wasserfall etwas zu essen zu bekommen.

Das hat nicht funktioniert, weil es außer einem schmierigen Dönerladen kein Restaurant oder Café gab, das geöffnet gewesen wäre. Nur rund um den Bahnhof – auf der anderen Seite des Tals und somit für uns zu Fuß mit Kinderwagen nicht erreichbar – gibt es anscheinend sowas wie Gastronomie. Unsere Suche führte uns nach und nach immer weiter aus dem Ort heraus, so dass wir irgendwann beschlossen, auch nicht mehr auf den Bus zu warten (wie gesagt: der fährt einmal in der Stunde, auch wochentags) und einfach zum Campingplatz zurückzulaufen. Auf den vier Kilometern legt man dabei einen Höhenunterschied von 200 Metern zurück (wir: talwärts), was bei 28 Grad ziemlich schweißtreibend ist.

Eines der früher besten Hotels am Platze: Das "Straubinger". Heute: eine Ruine.
Eines der früher besten Hotels am Platze: Das „Straubinger“. Heute: eine Ruine.

Die Gemeinde versucht, den Kurbetrieb aufrecht zu erhalten, in dem sie die veralteten Thermenanlagen modernisiert (die „Felsentherme“ in Gastein stand kurz vor der Insolvenz, weil alles marode war) und ein tatsächlich reichhaltiges Event-Programm mit Führungen und Vorträgen anbietet. Mittlerweile versucht man sogar, den „morbiden Charme“ des verödenden Kurorts zu verkaufen. All das funktioniert leidlich, im Winter kommen immer noch Gäste zum Skifahren, im Sommer viele Touristen wie wir. Ob die bleiben oder sich – wie wir – gruseln und dann weiterfahren, wissen wir nicht.

Nach Bad Gastein sind wir eigentlich gefahren, um dort von der Therme aus den Alpenblick zu genießen. Da wir den aber so auch schon hatten (und die Kinder keine Lust aufs Baden), haben wir das gar nicht gemacht, sondern sind nach zwei Nächten weitergefahren.

Auf dem Stubnerkogel.
Auf dem Stubnerkogel.

Wenn das Womo mit dem Zug fährt

Und zwar auf interessante Art und Weise: Eigentlich endet die Straße südlich von Bad Gastein am Ende des Taleinschnitts. Wir hatten geplant, zurückzufahren bis Bischofshofen (ja, das mit der Skisprungschanze) und dann die Tauernautobahn in Richtung Millstätter See zu nehmen.

Auf den Zug: Wir fahren unser Womo in der "Autoschleuse" auf den Waggon der Tauernbahn.
Auf den Zug: Wir fahren unser Womo in der „Autoschleuse“ auf den Waggon der Tauernbahn.

Wir erfuhren dann aber, dass die Österreichischen Bundesbahnen eine Alternative haben: einen Tunnel durch den Berg und einen Autozug, der jede Stunde fährt. Man verlädt seinen Wagen (auch Wohnmobile) auf den Zug, setzt sich in einen Personenwaggon, fährt elf Minuten durch die Finsternis des Berges und kommt in Mallnitz in Kärnten wieder heraus. Mit der „Autoschleuse“ der Tauernbahn spart man sich so über 100 Kilometer Strecke und die besonders staugeplagte Tauernautobahn. Kostenpunkt: 17 Euro für ein Auto, alle Insassen inklusive. Und da die ÖBB erst ein dreiachsiges Camping-Fahrzeug als Wohnmobil einstufen (was teurer ist), ging unser Womo als Pkw durch.

Das Wohnmobil auf der Tauernbahn.
Das Wohnmobil auf der Tauernbahn.

Wir sind also an einem Mittwochmorgen extra früh aufgestanden, um einen der weniger vollen Morgenzüge zu bekommen und haben das Womo – es ist schon ein bisschen eng auf dem Waggon – auf den Zug manövriert. Keine Viertelstunde später hatten wir das Bundesland gewechselt (Pfiat di Salzburg, servus Kärnten) und alle Zeit der Welt, die nur noch verbleibenden 39 Kilometer an den Millstätter See zu fahren.

One comment

  1. Sabine Sopha says:

    Hochinteressanter Beitrag. Die Gegend kenne ich gar nicht, und das Bad Gastein vor sivüch hinritten, ist schade. Schönen Gruß unbekannterweise an Joana: rosa Gummistiefel sind was Feines :-)
    Euch weiterginget Reise mit so schönen Reiseberichten für uns Leser.

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