Immerath: Geisterdorf am Rande des Nichts

Geisterstädte vermutet man in den USA, Geisterdörfer im Wilden Westen oder allenfalls noch im verwildernden Osten Deutschlands. Aber am Niederrhein? Wir waren heute in Immerath, südlich von Mönchengladbach. Hier wohnt fast niemand mehr, Fenster und Türen sind verrammelt. Die Kirche entweiht, der letzte Gottesdienst ist Monate her. Alles verfällt – und wartet. Auf die Bagger. 

Braunkohle wurde der stolzen Gemeinde von Immerath zum Verhängnis. 1200 Menschen wohnten in ihren Straßen. Millionen Tonnen schwere Braunkohleflöze liegen unter dem Dorf – und deswegen soll es bald abgerissen werden. Und mit Immerath wird auch die gesamte Landschaft drumherum verschwinden. Die riesigen Schaufelbagger des RWE-Konzerns fressen sich durch die Landschaft wie Raupen durch Blätter. Garzweiler II heißt das Tagebaugebiet – benannt nach dem Dorf Garzweiler, das auch schon lange von der Erdoberfläche verschwunden ist.

Die Landstraße endet wenige Meter hinter der Autobahnausfahrt Jackerath. Offiziell ist es eine Sackgasse und auch als solche ausgeschildert. Aber eigentlich ist die Straße ab einem gewissen Punkt einfach weg. Dahinter ist – nichts. Über Kilometer, bis zum Horizont, erstreckt sich eine Mondlanschaft tief unter uns. RWE hat eine Aussichtsplattform errichtet, von der aus man einen ebenso eindrucksvollen wie erschreckenden Blick in eine postapokalyptische Landschaft werfen kann.

Garzweiler: Aussichtsplattform

Über ein Dutzend Dörfer, Wälder, Hügel, Teiche, Straßen, Bahngleise und eine ganze Autobahn lagen dort, wo sich jetzt die Bagger dröhnend in den weichen Boden fräsen, um die begehrte Braunkohle auf die Förderbänder zu speien. In der Ferne laufen die an einem Bahnhof zusammen, von wo der Rohstoff zu den nahe gelegenen Kraftwerken abtransportiert wird.

30 bis 45 Millionen Tonnen Braunkohle fördert RWE hier jedes Jahr. Dabei entstehen 175 bis 225 Millionen Tonnen Abraum – zerbröselte Landschaft, aufgehäuft auf Halden. Später, erklärt RWE auf Informationstafeln, wird die Landschaft rekultiviert. Es soll neuer Lebensraum für Tiere und Pflanzen entstehen und Naherholungsgebiete für Menschen. „Retortenlandschaft“ nennen das die Kritiker.

Immerath liegt fast direkt an der Autobahn 61, die allerdings auch abgerissen wird, wenn sich der Tagebau ab 2017 bis hierher durchgefressen haben wird. Die Kirche St. Lambertus, im hiesigen Volksmund auch „Dom von Immerath“ genannt, ist im Oktober 2013 entweiht worden. Ihr zu Ehren kamen die Immerather noch einmal in ihr altes Dorf zu einem letzten Gottesdienst.

Immerath: alte Fabrik Immerath: Alles verriegelt Immerath: Laub im Durchgang Immerath: Verkehrsschild und Unrat Immerath: Eingang Krankenhaus Immerath: Krankenhaus Immerath: Straße

Die meisten von ihnen wohnen jetzt etwa acht Kilometer entfernt in Immerath (neu). Das Dorf heißt wirklich so. RWE hat die Umsiedlung bezahlt. Auch die Straßen und die Parks. Und die Immerather wurden entschädigt für den Verlust ihrer Grundstücke und Häuser. Viele haben aber auch keinen Sinn mehr darin gesehen, hier in der Gegend wohnen zu bleiben. Sie sind in die umliegenden Städte gezogen – oder gleich weiter weg und ins Ausland. Die alte Dorfgemeinschaft Immerath gibt es so nicht mehr.

Immerath: Gaststätte

Immerath: Haltestelle

Immerath: Haltestelle Detail

Heute ist Immerath ein Geisterdorf. Beklemmend still ist es. Die meisten Häuser sind verlassen und sehen auch so aus. Die Türen sind verbarrikadiert, die Rolläden heruntergelassen. Einige sind aufgebrochen worden – von Plünderern, die den wenigen verbliebenen Bewohnern jetzt das Leben schwer machen. Metalldiebe haben Rohre und Dachrinnen abgerissen und gestohlen. Gärten verwildern, das Krankenhaus – einst der Stolz der Immerather – verfällt.

Immerath: Kirche

Immerath: Kirche Detail

Hin und wieder fährt ein Auto durch die leeren Straßen des Dorfs. Meistens Touristen wie wir, die einen Blick auf den Ort erhaschen wollen, bevor es ihn nicht mehr gibt.

Immerath: Gewächshaus

Immerath: Tür

Immerath: Durchblick

Für einen Wiederaufbau nach der Ausbeutung der Braunkohlevorkommen unter Immerath besteht übrigens keine Chance. Denn dann liegt das Gebiet, auf dem das Dorf stand, in dem, was technisch einfach „Restloch“ genannt wird: Das, was übrig bleibt, wenn man Millionen Tonnen Kohle aus dem Boden geholt hat und nicht mehr genug Material da ist, um den Krater wieder aufzufüllen.

Was wird also gemacht? Geflutet. Immerath wird dann in einem 23 Quadratkilometer großen See liegen, der bis zu 185 Meter tief ist und es mit diesen Ausmaßen mit dem Steinhuder Meer in Niedersachsen aufnehmen kann. 2045 soll das erste Wasser aus dem Rhein umgeleitet werden. Und 40 Jahre, bis 2085, soll es dauern, bis der See fertig ist. Wir werden es nicht mehr erleben.

One comment

  1. Jens Peters says:

    Ich war auch da – im April 2014. Der von der Autobahn A 61 aus weithin sichtbare „Immerather Dom“ hatte mich neugierig gemacht. Es war eines der erschütterndsten Erlebnisse in meinem Leben. Erinnerungen, die nie mehr aus meinem Kopf gehen werden : Ein wunderschöner Ort mit dem beeindruckenden Dom, mit vollkommen intakten, aber schon leergeräumten Häusern, einem Kinderspielplatz, dem großen Krankenhaus, vielen großen alten Bäumen, leerstehenden Läden – früher ein blühendes, wohlhabendes Dorf mit einer lebendiger Dorfgemeinschaft in einer eigentlich eher reizlosen Landschaft. Und das alles zerstört, damit die RWE-Kraftwerke für ein paar Wochen Brennstoff haben…… Ein Verbrechen, für das niemand zur Vetrantwortung gezogen wird.

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