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Die Geisterdörfer von Aragón

Das hatten wir in unserer Reiseplanung völlig unterschätzt: Wir sind in den spanischen Pyrenäen. Und die sind landschaftlich wohl so ziemlich das Beeindruckendste, was wir jemals gesehen haben.

Unser Tipp: Fahrt die N-260. Das ist eine Nationalstraße, die sich fast durch die gesamten Zentralpyrenäen schlängelt. Ihr werdet aus dem Staunen nicht herauskommen. Fast nach jeder Biegung der Straße verändert sich das Landschaftsbild.

Wunderstraße N-260: Nach jeder Biegung eine neue Landschaft.

Wir sind von Andorra aus nach La Pobla de Segur weiter südwestlich gefahren, dann nach El Pont de Suert wieder weiter nördlich, um dann weiter nach Westen in Richtung Jaca zu fahren. Und in einem Moment wähnten wir uns im Monument Valley in Amerika, weil rote Felsformationen majestätisch vor uns aufragten, im nächsten glich die Landschaft den Rocky Mountains im Westen Kanadas, dann wieder einer Heidelandschaft und plötzlich schlängelte sich die Straße, immer enger werdend, durch Tunnel, die irgendwann mal in den Fels gesprengt wurden, entlang von glasklaren und eiskalten Gebirgsflüssen, auf Stelzen durch Schluchten, die senkrecht bis zu einem Kilometer hoch aufragen (vergesst Norwegen) – es ist ziemlich wahnsinnig.

Am Congost de Collegats bei Pobla de Segur – eine Landschaft zwischen Monument Valley und kanadischen Rocky Mountains. Mitten in Europa.

Wir wissen nicht, warum unser Reiseführer die N-260 mit kaum einem Wort erwähnt – sie ist nicht nur die Haupt- und an vielen Stellen einzige größere Straße durch das Gebirge, sondern sicherlich die „Scenic Route“ der Pyrenäen schlechthin.

Im Verlauf der Strecke von Osten nach Westen wird die N-260 immer abenteuerlicher.

Allerdings kommen wir auch zu dem Schluss, dass die Pyrenäen – aus welchem Grunde auch immer – in Deutschland als Reiseziel weitgehend unbekannt zu sein scheinen. Hier sind wir bisher keinem Deutschen begegnet, in den Orten nicht, auf den Campingplätzen nicht (und normalerweise trifft man überall auf der Welt Deutsche). Niemand spricht hier Deutsch (außer einem norwegischen Rentnerpärchen auf Spanientour), auf keiner Speisekarte und auf keinem Hinweisschild steht deutscher Text. Ist das Gebirge zu weit weg von Deutschland? Fehlen die massentouristischen Annehmlichkeiten?

Vielleicht ist es aber auch ganz gut, dass der Tourismus hier, obwohl in vielen Gegenden Haupteinnahmequelle, generell nicht so professionell ist wie beispielsweise in den Alpen. Wir sind auf unserer Reise durch das Gebirge an keinem hässlichen Hotelklotz vorbeigefahren, sondern durch manchmal hübsch hergerichtete, manchmal ziemlich verfallene Dörfer (dazu unten mehr). Es gibt hier keinen McDonald’s und kein Starbucks. Die Ortschaften sind ursprünglich und man spricht hier Català, also Katalanisch und nicht einmal unbedingt Spanisch (übrigens auch sehr wenig Englisch, selbst an Rezeptionen oder in Restaurants – wir waren doch erstaunt).

Congost de Collegats – wer entdeckt den Kletterer am Felsen (man kann den Slider nach links und rechts ziehen)?

In Pobla de Segur (oder besser: kurz vor dem Ort) haben wir auf dem kleinen Campingplatz „Collegats“ direkt am Fluss Rio Noguera Pallaresa übernachtet. Das Rauschen des Flusses mit seinen Stromschnellen und kleinen Stufen (nicht weit entfernt ist der Ort Sort, ein Mekka für Wildwasser-Rafter) war toll für die Stimmung am Abend. Dass der Campingplatz anscheinend von Hardcore-Ökos betrieben wird und es deshalb warmes Wasser nur aus der Solaranlage und deshalb nur bei schönem Wetter und auch nur tagsüber gibt, war dann eher der Stimmungskiller. Vor allem, weil der Preis für die Übernachtung mit 26 Euro nicht zu gering war. Aber: Wozu hat man eine Gastherme und eine Dusche an Bord? 😉

Westlich von El Pont de Suert wird die N-260 immer abenteuerlicher. Durch die Pyrenäen mit dem Wohnmobil: Wir haben ein uns andere Mal unserem treuen Womo gedankt, das uns hier ohne Murren über die teilweise steilen Gebirgspässe mit ihren Haarnadelkurven und Steigungen und wieder steile Gefälle hinunter gebracht hat. Die Straße wird an vielen Stellen sehr eng und glücklicherweise sind die Felstunnel, durch die sie oft führt, mit mehr als vier Metern Höhe auch ausreichend für Wohnmobile (wir benötigen mit unserem Teilintegrierten beispielsweise schon 3,20 Meter Mindestdurchfahrtshöhe). Wir haben uns gegruselt bei dem Gedanken, vor einem solchen Tunnel zu stehen und die Straße irgendwie im Schritttempo rückwärts bis zu einer Wendemöglichkeit fahren zu müssen – links die Felswand, rechts der Abgrund…

Die Bergdörfer Kataloniens. Viele der Dörfer im benachbarten Aragón sind schon verfallen. Landflucht ist ein großes Problem in diesem entlegenen Teil Spaniens.

Auf unserem Weg haben wir Katalonien verlassen und sind in die Provinz Aragón gekommen. Keine Figur aus dem „Herrn der Ringe“, sondern ein ehemaliges Königreich in den Bergen, das heute nun zu Spanien gehört. Aragón umfasst viele der Hochgebirgslagen in den Pyrenäen und die Unterschiede zwischen Katalonien und Aragón sind frappierend: Auf der einen Seite schmucke katalanische Dörfer und wenige Kilometer weiter verlassene Ortschaften im Aragón.

Seit jeher kämpft der westlichere Landesteil mit starker Landflucht und ihren Folgen: Arbeitsplätze gibt es in den Gebirgsregionen kaum, so dass immer mehr vor allem jüngere Menschen in die Städte ziehen. In vielen Dörfern leben deshalb fast nur noch alte Menschen, ebenso viele Ortschaften sind auch schon vollständig ausgestorben. Entlang der Straße von Fiscal nach Broto kann man einige dieser verlassenen und verfallenen Ortschaften sehen (und wer mag, kann sie auf eigene Gefahr auch erkunden).

Bringt uns ohne Murren über steile Bergpässe und durch tiefe Schluchten: unser treues Womo.

Unsere Reise führt uns nun direkt gen Nordwesten, zum Atlantik.

Die Elternzeit-Reise mit dem Wohnmobil
Anne und Oliver unternehmen eine achtwöchige Elternzeit-Reise mit ihrer kleinen Tochter Joana. Sie fahren mit einem Wohnmobil durch Südeuropa und bloggen hier über die Reise. Alle Beiträge über die Elternzeit-Reise finden sich in dieser Übersicht. Unsere Erfahrungen mit Wohnmobil-Reisen mit Kind haben wir in einem eigenen Beitrag aufgeschrieben.

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